Pankow · Lokalnachrichten

Pankower Panorama

Die Lokalnachrichten für Berlin-Pankow

Wirtschaft

1600 – 1700

Wenden wir uns dem Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges zu, so vermuten wir von vornherein, daß auch über unseren Ort Plünderung und Verwüstung kam(en). Die Mark hat in den Jahren 1620-28 schwer gelitten. Brandenburg war zu schwach, um sich Feinden gegenüber halten zu können;…

10.12.2022·Redaktion

Wenden wir uns dem Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges zu, so vermuten wir von vornherein, daß auch über unseren Ort Plünderung und Verwüstung kam(en). Die Mark hat in den Jahren 1620-28 schwer gelitten. Brandenburg war zu schwach, um sich Feinden gegenüber halten zu können; es war deshalb Freunden und Feinden win willkommener Ruheplatz. Die Mark wurde ausgesogen. Dänische Truppen hatten mit den wilden Scharen Mansfelds vereint hier schrecklich gewirtschaftet, beliebig Steuern erhoben und gebrandschatzt. Da kam die kaiserliche Armee unter Wallenstein, vertrieb die Mannsfelder und Dänen und machte sich in der Mark ein bequemes Lager; diese Regimenter waren als Peiniger und Bedrücker gefürchtet. Wallenstein hat um 1627 im Kreise mit seinen Horden furchtbar gehaust. Auch in unserem Ort war gewiß Einquartierung, Bedrückung und Erpressung an der Tagesordnung. Der Kurfürst Georg Wilhelm war gezwungen, dem damals allmächtigen Wallenstein alle Forderungen zu bewilligen; er übernahm seine Bewirtung und hielt den ganzen Troß desselben frei. Drei Jahre blieben die kaiserlichen Truppen in der Mark (1626-28), denn Wallenstein rüstete sich zu dem für ihn so verhängnisvollen Zug nach Stralsund. Man fürchtete im geheimen, daß er, der Mecklenburg schon in der Tasche hatte, Brandenburg an sich reißen würde. Das kleine Berlin – es zählte damals 10 000 Einwohner in 1209 Wohnhäusern – nahm am 22. Juni 1628 Wallenstein selbst als gefürchteten Gast auf. Ein glänzender Einzug wurde ihm bereitet. Auch die Einwohner Pankows mögen nach Berlin geeilt sein, um diesen Heerführer auf weißem Roß, begleitet von 30 Fürsten und Grafen und einem Gefolge von 1500 Köpfen zum Stralauer Tor einreiten zu sehen. Am 23. Juni zog er, an Pankow vorüber, seinen Truppen nach Eberswalde nach.
Auch Gustav Adolf soll auf dem Wege nach Spandau durch Pankow gekommen sein.
Die Not wurde immer größer. 1632 zog der schrecklichste Feind, die Pest, ein. Der Landreiter berichtet nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges aus dem Jahre 1652, daß die Hälfte der Bewohner unseres Kreises entflohen oder umgekommen war, die Felder lagen verwüstet, Dornen und Disteln hatten überall die Herrschaft angetreten. Unser Ort hatte manchen Sturm schon erlebt, aber so schwere Schläge und so tiefe Wunden hatte der Bauernstand noch in keinem Jahrhundert empfangen. Man lese den Revisionsbericht der Dörfer unseres Kreises vom7. Mai1696, welcher den Zustand unseres Dorfes fünfzig jahre nach dem Friedensschluß schildert. Noch nach einem halben Jahrhundert sind vier Bauernhöfe und acht Kossätenhöfe zerfallen, wüst, unbesetzt, Bauern können ihre Abgaben nicht mehr zahlen und werden Kossäten, Kossäten müssen in das Tagelöhnerhaus auf das Gut ziehen, und der Schäfer nutzt einen Kossätenhof, damit dieser nicht noch mehr zerfällt. Von 15 Kossätenhöfen sind 8 wüst und nur 3 von Kossäten besetzt. Der Kaufkontrakt zwischen Amtsrat Weise und Geheimen Tat Grumbkow 1680 enthält die traurige Tatsache, daß drei bauern ihre Pächte noch schulden, daß drei Kossäten je 44 Taler Kaufpreis schuldig sind, und daß der Gutsherr ihnen Pferde und Kühe samt einer Hufe Sommer- und Wintersaat hat geben müssen. Ferner lesen wir im Kaufkontrakt von 1690 zwischen den Grumbkowschen Erben und dem Kurfürsten, daß drei Bauernhöfe und acht Kossätenhöfe noch wüst und unbesetzt sind, und nur drei Kossätenhöfe Besitzer haben. Welch ein trauriges Bild unseres Ortes schaut uns hier an, und wie mag es erst fünfzig Jahre früher im Ort gewesen sein.

Der Revisionsbericht[1] lautet:

Pankow soll haben          38 Hufen
                                               12 Hüfner
                                               15 Kossäten
                                                 1 Schmied
                                                 1 Hirt

Hufen.

                                2             Christoph Müller wohnt auf einer Kossätenstelle
                                2             Michel Schaum auf Bartel Meyers Hof
                                2             Peter Ohm
                                2             Peter Krafft wohnt auf einer Kossätenstelle
                                2             Der Krüger Bartel Zernikow, die dritte Hufe hat Adam Schwitzke
                                2             Peter Wartenberg
                                2             Martin Puhlmann wohnt auf einer Kossätenstelle
                                2½          Adam Schwitzke
                                4             Matthes Meyer
                                2             Martin Liedemit
                                3             Martin Grunow
                                4             Martin Schaum
                                3½          Martin Zwarg
                                3             Jürgen Liebnitz
                                1             Zu Michel Schaums 4 Hufengut hat der Schäfer unterm Pflug.

Bewohnte Kossäten sind

  1. Hans Külige.
  2. Andreß Göris.
  3. Albrecht Knopf.
  4. Henry Noah.
  5. Herr Stoßius.
  6. Barthel Lafosse.
  7. David Illlarie.

Wüste Kossäten sind

  1. Worauf Martin Puhlmann.
  2. Der Bauer Christoph Müller.
  3. Peter Krafft.
  4. Martin Lindemit. Diese 4 Bauern wohnen auf Kossätenstellen.
  5. Jürgen Dreyers nutzet Jürgen Liebnitz.
  6. Andres Schmidt hat Christoph Müller.
  7. Matthes Mohrmann wüste Hof soll der Schäfer nutzen.
  8. Auch Tewes Wernicke genannt, ist in den Garten gezogen.

In diesen Bericht ist das Gut nicht mit aufgenommen, auch ist nicht berücksichtigt, ob die Hufen zum Hof gehörig oder nur Pacht sind; denn nach dieser Angabe bleiben nur 4 Hufen übrig, was für die Pfarre und das Gut nicht ausreicht.
Die unter4, 6 und 7 genannten Kossäten waren französische Einwanderer. Der große Kurfürst hatte den um ihres Glaubens willen aus Frankreich geflüchteten Hugenotten sein Land 1685 geöffnet und den Landleuten unter ihnen verlassene sogen. wüste Kossätenhöfe angewiesen. – Auch Pankow hatte an diesem großen Liebeswerk Anteil. So hatten in Pankow David Illarie, Barthel Lafosse, Henry Noah oder Noé, Jacob Siergen 1695 je einen Kossätenhof gemietet.[2]
Der vom Landreiter Nr. 5 genannte „Herr Stoßius“ war der Amtshauptmann von Nieder-Schönhausen von Stosch, welcher den Kossätenhof, den heutigen Amalienpark, 1691 innehatte.[3]
Im Pfarramt folgten dem Pfarrer Jeremias Wittkenius 1600–1624 die Nachfolger schnell aufeinander. Joachim Fuchs 1624–26, Sebastian Hein 1626–28, Martin Langhorst 1628–50, Christopf Beccig 1650 zum erstenmal,Daniel Bernhardi 1650–54, Christopf Beccig 1654–63, Martin Pepusch 1663–89, Christoph Ideler 1689–1729. Also neun Pfarrer in einem Jahrhundert. Was mögen sie unter dem Druck des Dreißigjährigen Krieges und seinen schweren Folgen an Not und Entbehrung durchgemacht haben. Das Einkommen war gering und bestand zum größten Teil aus den Hufenabgaben. Aber wie oft blieb die Scheune leer, denn alle Aecker waren wüst, und die Bauern konnten das Meßkorn nicht liefern. Wie alle Dorfhäuser war auch das Pfarrhaus erbärmlich, ohne Unterkellerung, in Fachwerk erbaut, und ebenso wie die Scheune der Ausbesserung bedürftig. Da die Bauern und Kossäten über  den Hand- und Spanndienst, welchen sie wöchentlich dem Gutsherren leisten mußten, schon hart seufzten, so waren sie gewiß auch wenig bereit, dem Pfarrer die notwendigen Dienste zu leisten. Pfarrer Pepusch berichtet im Kirchenbuch 1664 als ein besonderes Ereignis: „In diesem Jahr ist das Pfarrgehege zugemacht, von den Pankowschen allein, doch nicht ganz und zum Theil mit alten Stöcken, Desgleichen auch die Scheune gedeckt auf einer Seite. Die Schönhausenschen haben nur einen Tag geholfen.“[4] 1665 „neuer Torweg und Brunnenstiel.“[5]

[1] Landratsamt Niederbarnim.

[2] A. M.

[3] A. M.

[4] Kirchenbuch 1664.

[5] Kirchenbuch 1665

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